
Einführung zur Vernissage am 29. März 2025.
Von Jörg Hennings
fragen und denken
Volker Veits Intervention behausung im Kontext und 1 dialogue trouvé
Endlich bespielt Volker Veit das BODENDENKMAL!
Endlich steht Buchstabe für Buchstabe auf einzelne Leinwände geschrieben=gemalt, zwei im Winkel zueinander stehende Wände des quadratischen Raumes zur Gänze und die beiden übrigen zur Hälfte bedeckend. Endlich eine, so der Titel der diesjährigen künstlerischen Intervention, behausung. Eine Zäsur also, Möglichkeit zum Durchatmen, Neustarten? Warum aber ist das Wort farblich und typografisch unterteilt? Die Teile E, N, D bestehen aus Großbuchstaben auf grünem Grund, i, c, h aus kleinen auf rotem. Und das L? Ist’s ein kleines kursives? Oder gar keines, sondern ein Schrägstrich? Ihm ist keine eigene Leinwand gegeben, es ist auf jene des D und des i ver- bzw. zerteilt (und läuft mithin über Eck). So könnten wir auch eine Frage lesen: END ich? Ursprung der Arbeit ist ein Schriftgemälde, dessen voller Inhalt ENDlich (ich) MÖCHTE NICHT ENDEN lautet. Hier findet eine Bedeutungsverschiebung auf etwas, das zu Ende zu gehen droht, statt. Das physische Leben? Oder das geistige; Gedankenräume, wie sie uns Hermann Hesse in seinem Gedicht Stufen zu durchschreiten ermuntert, endlos, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
In diese Richtung wirkt Volker Veit mit seinem Werk. Einfache Farben, Formen, wiederkehrende Motive wandern von Arbeit zu Arbeit, werden neu kombiniert, transformiert, überschreiten dabei die Grenzen der Malerei, Installation, Performance. Es gibt literarische Bezüge, und immer wieder sind Worte, ist Schrift wesentlicher Bestandteil. In der Überarbeitung erlangen Werke, wie hier, neue mögliche Bedeutungen, die jedoch aufgrund des Abstraktionsgrades nie endgültige sind. Wir bekommen keine einfachen Antworten, sondern werden angeregt zu fragen, zu denken. Charakteristisch für Veits Schaffen ist die Zerlegung von Bildern und Wörtern in ihre Einzelteile und deren Neu-Montage, Individuen in ihrer gemeinschaftlichen Funktion.
Volkers Anfrage, ob ich die Einführung, erreichte mich in einer Phase intensiver Beschäftigung mit der Poetin Friederike Mayröcker, die vor drei Monaten hundert Jahre alt geworden wäre. Ich hasse ja den Tod, erklärte sie in Interviews, und noch in ihren 90ern schrieb sie radikal und experimentell gegen ihn an. ICH MÖCHTE NICHT ENDEN ist von beiden Künstlern geäußerter und tätiger Widerstand.
Widerstand auch gegen vermeintlich unverrückbare Verhältnisse in unserem, Schweinesystem sagte man glaub ich mal, und eine zutiefst humanistische Haltung prägen Volker Veits Persönlichkeit. Der unendlichen menschlichen Dummheit (die sich aktuell beispielsweise im immer noch wachsenden Zuspruch für die Populisten/Faschisten zeigt – blind für deren Strategien und ungeachtet der verheerenden Staatskunst ihrer Geistesverwandten und Unterstützer ringsum), dieser Dummheit setzt er freien Geist und starke Empathie entgegen. Die zeigt sich etwa in den Arbeiten unruhige zeiten mein kind, in welcher das Kreuz des Kinderspiels Himmel und Hölle haltlos durch das Blau des Bildgrundes stürzt, und SHARDS, deren einzelne Teile die Buchstaben des Wortes asyl sowie gemalte Scherben zeigen. Was ist hier zerbrochen? Kann man’s wieder zusammensetzen? Wer hilft?
Das Thema führt uns zurück zum BODENDENKMAL, in die (endlich:) behausung – auch so’n elementarer Begriff, der kein tolles Haus meint, nur einen Winkel ein Dach, so Friederike Mayröcker in ihrem berühmten Gedicht was brauchst du. Blicken wir also erneut hinein. Die mithilfe von Stangen an die Wände gelehnten Leinwände erinnern an Zeltbahnen. Diese dem Denkmalschutz geschuldete provisorische Lösung korrespondiert auf großartige Weise mit dem Inhalt und evoziert zusammen mit dem Mauerrest aktuelle Nachrichtenbilder. Auch die anderen Gegenstände der Installation, Stuhl und Schale, verkörpern elementare Bedürfnisse. Aber wieder ist da eine Irritation: Warum sind die Schalen umgedreht? Und die Stühle ohne Beine und Sitzfläche? Unruhige, unsichere Zeiten. Zudem gestapelt, die Stühle, bis zur Glasplattendecke des BODENDENKMALS. Einerseits, s. o., Unterstreichung der Unbenutzbarkeit, andererseits Verknüpfung mit dem Wort-Bild. Positioniert in der dem ENDLICH-L gegenüberliegenden Ecke, nimmt die Säule optisch (nämlich dieses spiegelnd) darauf Bezug, aber auch assoziativ; sie gemahnt an die Unendlichen Säulen im Atelier des Bildhauers Constantin Brâncuși.
Schöne Koinzidenz: Kurz nachdem mir Volker Veit seinen Entwurf schickt, lese ich bei der mutigen St. Petersburger Literaturwissenschaftlerin Juliana Kaminskaja in ihrem Buch Verwandlungen zu Friederike Mayröckers Gedichten über ein Gleiches: In weint und ruft Zungen antwortet einem Schrägstrich mitten in einem Vers die anstelle von Buchstaben verwendete Ziffer 1 im nächsten. Zwei schlanke, einer morgendlichen Kälte ausgesetzte Wesen. Bei beiden Künstlern eröffnet ein Denken über die Grenzen ihrer Felder hinweg neue Bildmöglichkeiten.
Wir dürfen gespannt sein, in welcher Form, in welchen Zusammenhängen uns die Bestandteile der heute unserer Betrachtung anheim gegebenen Installation nach ihrem Auszug aus dem BODENDENKMAL begegnen werden. Volker Veit berichtet mir schon von Ideen. Verwandlungen. ICH MÖCHTE NICHT ENDEN Dieser Text jedoch muss es. Dabei hilft mir wieder die, wie die Autorin Frieda Paris sie nennt, Große Wortmutter. Ich nehme mir ihr Buch fleurs zum Vorbild, welches mitten im Satz

behausung
Installation
Acryl auf Leinwänden, div. Holzstühle ohne Sitzfläche/Beine, Gipsabgüsse von Kunststoffbehältern, Gestell zum Befestigen der Leinwände
3,5 x 3,5 x 2,5 (HXBXT in m)
2025

Das Bodendenkmal am Schloss Wolfsburg dient als Objektkasten für die Installation. Es zeigt einen Teil der ehemaligen Ummauerung des Wassergrabens, der das Schloss Wolfsburg umschlossen hat.
Der Objektkasten hat die Maße 3,5 x 3,5 x 2,5 (HXBXT in m), ist im Boden versenkt und mit einer Glasplatte abgedeckt.
Die Mauer ist Teil der Installation.