Parasit

Im Blick zurück habe ich für DICH eine eigene Schublade gefunden. Dort wo es dunkel wird, ganz unten, ganz hinten, selten benutzt. Die Lade für die Spezies, die berechnend und heuchelnd nimmt, ohne zu geben.

Als DU dich mir genähert hast und kurz nach DIR noch ER um mir an eben diesem Platz, die Ankündigung für EUER Tun unterzuschieben. Verstohlen aus der Tasche gezogen, wie ein Geheimnis. Wissend, um die Verfehlung. Gekommen um die eigenen zwei Schubladen zu bedienen, die lediglich die Teilung in Unter- und Übergeordnete enthält. Die vermeintlich Übergeordneten umkreisend wie…na ja, ihr wißt schon.

Ich als Wirtstier war dieses Mal nicht auf der Hut, überwältigt, doch werde ich DIR das nächste Mal gehörig in den Hintern treten. Da kannst DU dir sicher sein, das ist versprochen.

Stolpersteine

So wie ich vor einigen Jahren über einen Artikel gestolpert bin, in dem über dieses Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig berichtet wurde, sind mir bei einem Spaziergang durch das nächtlichen Köln, seine ersten STOLPERSTEINE begegnet. 

Plötzlich tauchen sie auf, Messingplatten in der Größe eines Pflastersteines vor einem Hauseingang, und rufen Bilder aus der Erinnerung, die ich nur aus Filmen, Büchern und Berichten kenne, die das Leiden der aus diesen Häusern gezerrten Menschen nur ansatzweise beschreiben, da dieses Erinnern aus zweiter Hand geschieht. Aber gerade dieses Wissen um das nicht nachvollziehen Können, der im Nationalsozialismus von Menschen an Menschen verübten Grausamkeiten, macht es um so wichtiger, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen zu Dingen fähig sind, die ausserhalb unserer Vorstellungskraft liegen und jedem Aufkeimen, wie auch immer gearteter Grausamkeit, einen Stolperstein entgegen zu setzen.

Zwei Tage später im Stadion der Aufruf zu Toleranz und gegen Rassismus, beklatscht. Eine Stunde später aus der Menschenmasse hinter mir heraus die Beschimpfung eines japanischen Spielers der eigenen Mannschaft, dünnes Eis.

50 Jahre Kunstverein Wolfsburg

Bei dem herrschenden trüben Wetter schaue ich in meine dampfende Tasse mit marokkanischem Minztee und lasse den Abend noch einmal an mir vorbeiziehen, an dem der Kunstverein Wolfsburg sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat. Auf den ersten Blick erscheinen diese 50 Jahre für einen Verein nicht unbedingt feiernswert. Was ist das schon, 50 Jahre. Für jeden zu fassen, da es bei jedem im Umfeld sogar Menschen gibt, die dieses Alter erreicht haben bzw. erreichen wollen. Vielleicht gehört man ja schon selbst dazu.

Doch hier liegt der Fall anders. Denn der Kunstverein war der erste Verein in der Stadt, der sich der bildenden Kunst verschrieben hat und der sich um mutige, kunstinteressierte Menschen gebildet hat, die in einer Arbeiterstadt lebten, die selbst erst im Aufbruch war und ihren Beginn in Zeiten des Nationalsozialismus erlebt hat. 21 Jahre war die Stadt alt, jetzt 71 und somit sind dann auch 50 Jahre ein wahrer Grund zu feiern.

Die zugehörige Ausstellung „Best of 50 years“ vereint Positionen von Künstlern, die in den 50 Jahren im Kunstverein ausgestellt haben und hier oft am Anfang ihrer Karriere standen. Für jedes Jahrzehnt ein Künstler bzw. eine Künstlergruppe mit Arbeiten aus dem Jahrzehnt, in dem sie hier ausgestellt haben und dem gegenüber gestellt aktuelle Arbeiten.

Timm Ulrichs, der für die 1970er Jahre steht, war persönlich erschienen. Ebenso Jirí Georg Dokoupil, der als Mitglied der MÜHLHEIMER FREIHEIT in den 1980 Jahren die Wolfsburger Kunstwelt mit erschütterte. Chicks On Speed lieferten eine schrille Performance, die hier ihre Uraufführung hatte.

Ein gelungener Abschluß für die ersten 50 Jahre dieses jungen Vereines, der wie der Geschäftsführer Justin Hoffmann zur Eröffnung sagte, auch der einzige Kunstverein ohne den Anschluß fließenden Wassers ist.

reife Tomaten

„Wie in Sizilien“ rief meine italienische Nachbarin lachend, als sie mich zu sich unter das Garagendach lockte, damit ich einen Blick in diesen riesigen Topf werfen konnte. Dieser Topf, den sie mit einem überdimensionierten Löffel seit über zwei Stunden bearbeitete und in dem die Tomatensoße für den gesamten Winter vor sich hin kochte. Stolz stand ihr Mann daneben und hörte zu, wie sie mir die Enstehung erzählte, von dem Reifen der 55 Kilo Tomaten, über das Zerkleinern, würzen, bis zu diesem Rühren und dann das Einmachen, um es auch im Winter gut zu haben. Der Mann, mit den Worten, besser als aus der Dose, brauchte mich nicht mehr zu überzeugen, denn schon der Geruch des kochenden Tomatenbreis, der seinen Duft in die Strasse verteilte und der mir schon beim Öffnen meiner Tür in der Nase lag, bedurfte keines weiteren Kommentars.

Und plötzlich war mir das Konzert der wundervollen Etta Scollo, die sich der Erforschung der traditionellen sizilianischen Musik und Lyrik verschrieben hat, aus der letzten Woche in Braunschweig wieder gegenwärtig, die, wenn sie auf die Frage woher sie kommt antwortet, immer nur von der Mafia hört. Eine Mafia, die allgegenwärtig ist, leise und unterwandernd und nicht mehr nur in Italien. Wie sagte Etta Scollo so schön, es wird Zeit, dass auf die Herkunftsfrage und die folgende Antwort ein Leuchten in den Augen des Fragenden erscheint: „Ah, Sizilien, da gibt es doch diese wunderbaren Orangen und die schönen Frauen“ und natürlich wunderbare Musik.

Neda

Als ich am Dienstag, es war der 23. Juni, vor meiner Hotelzimmertür die FAZ fand, ahnte ich nichts von dem Artikel, der mich heute zu dem Video führte, mit einem Handy aufgenommen, dass das Sterben einer jungen Studentin in den Straßen von Teheran dokumentierte, die ermordet wurde, von einem Religionswächter am Rande einer Demonstration.

Bei Demonstrationen in Los Angeles sind nun Plakate mit der Aufschrift „I AM NEDA“ zu sehen. Unfreiwillig, brutal aus dem Leben gerissen, wird eine junge Frau zu einer Ikone des Widerstandes, die von ihrem Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, nach einer Wahl, die den Eindruck der Manipulation schon im Vorfeld bestätigt hat, in einem Staat in dem immer noch religiöser Fanatismus, die nach Offenheit strebenden Menschen am Leben hindert.

Nun fallen auf den Teheraner Freitagsgebeten die Worte: „ich rufe die Justiz zu einer deutlichen Konfrontation mit den Anführern dieser illegalen Demonstrationen auf und verlange die Todesstrafe für sie ohne jede Gnade“, die nicht darauf hindeuten, dass im Iran ein Einlenken und eine friedliche Ruhe, die nicht auf Unterdrückung gestützt ist, zu erwarten ist.

Blick auf das Sommerloch

Die Vorurlaubszeit bestimmt meinen Terminkalender. Am Rande des Sommerlochs drängen sich Wettbewerbsabgabetermine, Ausstellungseröffnungen und Feierlichkeiten jeglicher Art.

Mit jedem Schritt nach draussen wechselt die Beschallung. Die Geschwindigkeit des Flanierens wird durch den eigenen Geschmack und die möglichen Gesprächspartner bestimmt, die sich den einzelnen Veranstaltungen zugehörig fühlen und irgendwie fühle ich mich bald wie ein bunter Hund, denn irgendjemand kennt mich doch irgendwoher. Die Großstadt wird zum Dorf und die Fluchtmöglichkeiten mit der Lebenszeit geringer. Das wird sich erst später wieder ändern, wenn das dem Alter geschuldete Verschwinden einsetzt.  

Wieder drinnen werden die Wettbewerbsunterlagen, die die letzten Tage den Laptop gefüllt haben, zu Materie und eingetütet, mit guten Wünschen versehen auf die Reise geschickt. Die ersten Aktivitäten deuten bereits auf das nächste Jahr und auch für den Rest dieses Jahres deutet nichts darauf hin, dass sich quälende Langeweile zu einer gesunden Langeweile gesellen wird und sich diese gebetsmühlenartig beschworene, angeblich beängstigende Sommerlochsleere einstellen kann.

Nachhall Dialoge 09

Bis auf das Lichtband im Boden bleibt der Sternensaal unbeleuchtet. Das Lichtband läuft an den Rundungen der Wand entlang und leuchtet durch ein Sternengitter, so dass die Holzvertäfelung darüber matt beleuchtet wird. Licht fällt auch durch die offene Tür, die  zum westlichen Kunstkammersaal führt, in dem die weißgewandete Junko Wada ihren einsamen, meditativen Tanz vollführt.

Im Raum auf dem Boden sitzend, hält mich der Tanz von Nicola Mascia und Takako Suzuki gefangen. Dicht, zum Greifen nahe die Bewegungen der Tänzer verfolgend, die sich im Raum verorten. Das Atmen, die Schritte hören. Im richtigen Moment dem Tanzweg ausweichen. Auf diese Weise eins werden zu einem Gesamtbild, das sich einprägt.

Das gesamte Haus erfüllt von Menschen, von Bewegung, von spürbarer Magie durch die Jahrhunderte, die die erwarteten Exponate des Ägyptischen Museums mit dem noch leeren, renovierten Haus des Neuen Museums in Berlin und mit den Menschen in den Räumen verbindet.

Sasha Waltz hat es wieder geschafft, mich mit ihren Gästen und ihrer neuen Produktion DIALOGE 09 auf dem ehemaligen Transitweg nach Berlin zu locken, zu begeistern, mit kreativer Energie aufzuladen und mich dann auf den sternenklaren Rückweg in den Frühlingsanfang zu entlassen.

Ein andauernder Nachhall ist zu erwarten, der mir in den hoffentlich unerwartesten Momenten Inspirationsspitzen verpassen wird.