Ne schöne Jrooß

Das wievielte Mal stehe ich inmitten dieser Menschen, die voller Vorfreude ausgerichtet auf die Bühne schauen? Gleich erscheint sie, die Kapelle aus Köln, die mich seit annähernd 30 Jahren durchs Leben begleitet. So wie viele um mich herum ist der Auftritt von BAP mit dem kölschen Barden Wolfgang Niedecken ein Muss. Auch wenn die Jahre an uns allen nicht spurlos vorbei gegangen sind und auch der eine oder andere nicht mehr dabei ist, haben sich die Zeiten seit Verdamp lang her thematisch nicht verändert, die tägliche Kristallnaach allgegenwärtig.

Und dann geht es los, rockiger, härter als die letzten Male. Ne schöne Jrooß ahn all die, die unfählbar sinn, aus vielen Kehlen, mehr gegrölt als gesungen, kommt immer noch gut. Die neuen Stücke der Radio Pandora Plaat, bilden den Rahmen für einen wunderschönen Abend, der von aussen betrachtet vielleicht nostalgisch verklärt wirkt, der mich, ausgespuckt aus der Halle, aber lächelnd und gewappnet in den Alltag entläßt.

Was fehlte an diesem Abend ist der Zigarettenqualm, der sich sonst wie ein dichter Nebel über die Köpfe legte und die Illumination unterstützte. Doch eigentlich bin ich recht froh, dass das schrumpfende, ausgegrenzte Völkchen der Raucher sich mittlerweile spaßend vor den Eingängen trifft.

Giora Feidman und Matthias Eisenberg

„From Classic To Klezmer – Part II“

Am Ende dieses fantastischen unplugged Konzertes mit Klarinette und Orgel in der St. Marienkirche in Isenbüttel, nahm sich Giora Feidman ein Mikrofon und sprach noch einige bewegende Worte.

Er werde oft gefragt warum er in so kleinen, schmalen und kalten Kirchen seine fantastische Musik spiele, wo er doch auch in Berlin in der Philharmonie und in Tokio spiele. Er antwortet darauf, dass er diese Frage nicht verstehen würde, da er für die Menschen spielt und das es ihm wichtig ist, auch als Jude in einer deutschen Kirche unabhängig von der Religion spielen zu können. 

Er kann nicht verstehen, warum es noch über 20 Kriege überall auf der Welt gibt. Warum noch Menschen getötet werden, um Konflikte lösen zu wollen und dass es für ihn, nachdem er über 50 Jahre in Israel lebt, nicht nachvollziehbar ist, was dort zur Zeit passiert.

Nach diesen Worten spielte er, durch den Mittelgang gehend, noch ein kleines Lied aus Versatzstücken deutscher, israelischer und pälästinensischer Melodien, bevor er uns nachdenklich in die kalte, frostige Nacht entließ.