Stolpersteine

So wie ich vor einigen Jahren über einen Artikel gestolpert bin, in dem über dieses Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig berichtet wurde, sind mir bei einem Spaziergang durch das nächtlichen Köln, seine ersten STOLPERSTEINE begegnet. 

Plötzlich tauchen sie auf, Messingplatten in der Größe eines Pflastersteines vor einem Hauseingang, und rufen Bilder aus der Erinnerung, die ich nur aus Filmen, Büchern und Berichten kenne, die das Leiden der aus diesen Häusern gezerrten Menschen nur ansatzweise beschreiben, da dieses Erinnern aus zweiter Hand geschieht. Aber gerade dieses Wissen um das nicht nachvollziehen Können, der im Nationalsozialismus von Menschen an Menschen verübten Grausamkeiten, macht es um so wichtiger, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Menschen zu Dingen fähig sind, die ausserhalb unserer Vorstellungskraft liegen und jedem Aufkeimen, wie auch immer gearteter Grausamkeit, einen Stolperstein entgegen zu setzen.

Zwei Tage später im Stadion der Aufruf zu Toleranz und gegen Rassismus, beklatscht. Eine Stunde später aus der Menschenmasse hinter mir heraus die Beschimpfung eines japanischen Spielers der eigenen Mannschaft, dünnes Eis.

Grün-weißer Jubel

Langsam gewöhne ich mich wieder an das normale Arbeiten im Atelier.

Das letzte Wochenende hat mich teilhaben lassen an der größten Performance mit nahezu 100000 Beteiligten, die unsere kleine Stadt in Niedersachsen mit einem Schlag in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hat. Unsere Fußballer haben es geschafft, die Deutsche Meisterschaft zu erkämpfen und es ist schön zu spüren, dass es nicht nur militärische Aufmärsche mit Tötungsmaschinen sind, die Menschen dazu bewegen fahnenschwenkend die Welt einen Moment anzuhalten, sondern ein Kinderspiel, dass auch von Großen gespielt werden kann. Ich habe mich mitreißen lassen und ich muss sagen es war einfach toll. Brot und Spiele, einfach bereit sein sich dieses zu gönnen.

Brave new world

Die Bilder bedrücken und gleichen sich immer wieder. Fassungslose, weinende und verzweifelte Menschen inmitten von Chaos aus zerstörtem Leben, Absperrungen, um Ordnung bemüter Hilfskräfte und Pressevertretern, die sich  zum Teil um eine sachliche Berichterstattung bemühen (was in solchen Momenten leider nicht immer der Fall ist).

Immer wieder kommt es vor, dass zumeist junge Menschen sich über das Leben erheben. Nicht allzu lange ist es her, dass sich solche Bilder weit entfernt abgespielt haben. In einer Welt, von der gerne die Errungenschaften übernommen werden, die die persönliche Freiheit vermeintlich erweitern und den Konsum anregen.

Und dann lese ich es beim Aufschlagen des Lokalteils unserer Tageszeitung. Selbst hier in der Stadt gibt es auf rund 125000 Einwohner ca. 10000 registrierte Waffen. Nicht auszudenken wie viele nicht registrierte Waffen dazu kommen und wie viele desillionisierte Menschen im falschen Moment darauf Zugriff haben könnten. Noch einen Blick weiter lese ich von einem Mann, der am gestrigen Abend hier in der Stadt gedroht hat, sich zu erschießen und dabei mit seiner Waffe durch seinen Stadtteil gelaufen ist.

Brave new world.

Hier hat sich eine weit größere Gefahr für die Sicherheit heraus gebildet, als die, die vermeintlich von aussen an uns heran getragen wird und sich unter dem Angst-Sammelbegriff Al Kaida formiert.

Zu all dem ist es passiert, dass der Sohn einer meiner Freunde seit einer Woche im künstlichen Koma liegt, weil sein Herz sich für einen Augenblick verweigert hat.

Stadt ohne Werbung

Die Strecke im Auto durch die Stadt erscheint mir wie ein Ausverkauf für die Architektur.

Die ständig wechselnden Werbebotschaften machen nicht aufmerksam, sie stumpfen ab und reduzieren die Fahrt, neben dem Blick auf den Verkehr, auf die Annehmlichkeiten, die ich mir in meinem Blechkleid gönne.

Kein Telefon, keine hastige Essensaufnahme und Rundfunk ohne Werbung.

Wie wünsche ich mir ein Verschwinden dieser ständigen ungewünschten Berieselung, mit freiem Blick auf das was dahinter liegt, mit der Möglichkeit den Stadtraum wirklich wieder zu gestalten und diesen nicht den Werbestrategen zu überlassen, auf der Suche nach mehr und größerer Werbefläche. Wer kennt sie nicht diese auf Stelzen stehenden Werbeflächen mit ihrer rotierenden Werbung, die, wenn sie nicht mehr funktioniert, den Blick durch zerissene Werbebotschaften auf nackte Neonröhren bietet.

Es gibt solche Städte. Sao Paulo hat es geschafft binnen 3 Monaten die Werbung aus dem Stadtbild zu verbannen und ich wünsche mir, dass diese Idee sich wie ein Flächenbrand durch weitere Metropolen und Städte ziehen wird.

Kleiner Nachtrag:

Leider gibt es auch schon wieder Gegenbewegungen, wie in Venedig zum Beispiel, wo zukünftig Automaten eines bekannten Getränkeherstellers das Stadtbild erklärbarer machen werden. Wer sich in dem Gassengewirr schon einmal verloren hat, wird sich vielleicht den dann vorhandenen roten Faden zu Hilfe nehmen, um seinen Weg zurück aus dem Labyrinth zu finden.