Himmelstürmer 2011 in St. Katharinen:

Tagebuch einer „Besinnung“

Sonntag, 5. Juni 2011

Morgen wird aufgebaut.

Ich ahne: die Installation wird mich als Gemeindepfarrer herausfordern. Worauf stelle ich mich ein?

Vor allem will ich die Sache erst einmal als Beobachter einer Begegnung begleiten. Begegnung von Kunst und Kirche. Nicht-sakrale Kunst in einem sakralen Raum. Wie zwei Sprachen in einem Satz. Begegnung auch so: Mensch sieht Material und fasst Gedanken, spricht Worte. Oder schweigt: ebenfalls eine relevante Reaktion. Und auf Reaktionen kommt es an!

Gewiss werde ich über das bloße Beobachten hinaus auch als Gesprächspartner gefordert sein. Werde nicht schweigen, sondern reagieren. Habe schon reagiert, gesprochen, Fragen und Gedanken aufgenommen. Schreibe diese Zeilen. Es folgen Gottesdienste. Nehme mir aber nicht vor, dass meine Reaktionen systematisch geschlossen und konsequent sein müssen. Den ästhetischen Riss, den die Installation im Raum verursacht, die Irritation in der Wahrnehmung und im Denken will ich nicht zu spachteln. Für eine Zeitlang ist dies nun auszuhalten.

Keinesfalls bin ich dabei der amtliche Kommentator dieses Projekts. Kann ich gar nicht sein. Denn ein Kunstwerk, einmal in die Welt gesetzt (in diesem Fall: in die Kirche, was nichts anderes bedeutet), führt sein einigermaßen unberechenbares Eigenleben, regt an und auf. Zulassen ist angesagt. Raum geben. Türen öffnen. Und Ohren.

Erst recht bin ich nicht der Funktionär irgendeiner gewünschten, vielleicht vermeintlich „kirchlichen“ Interpretation. Konsens ist nicht zu erwarten. Was mit der Kirche geschieht, kann die Kirche nicht kontrollieren.

Insgesamt rechne ich damit, dass diese Installation einen Eindruck hinterlässt. Die Erinnerung wird wie eine Fußspur sein von jemandem, der vorbei-, vorüber und hindurchgegangen sein wird. Eindrücke, Spuren: ein paar Fragen vielleicht, die den Umgang mit diesem Gebäude noch begleiten, wenn die Installation schon längst wieder zurückgebaut sein wird …

 

Mittwoch, 8. Juni 2011

„Das habe ich mir aber größer vorgestellt.“                                                                                             Mehr als einmal ist das in den ersten Tagen schon gesagt worden.

Enttäuscht? Erleichert?

Auf jeden Fall ernüchtert. Die Idee des Künstlers – vorab im Gemeindebrief und in Gesprächen erläutert – ist in der Phantasie monumentaler und wuchtiger, raumfüllender und störender ausgemalt worden.

Die Realität erscheint nun – zunächst – überschaubar. Und das irritiert offensichtlich in gewissem Maß.

Keine Sensation. Kein Skandal. Kein Faszinosum.                                                                    

Nichts, was mich sofort anspringt, wenn ich die Kirche betrete. Wer’s nicht weiß, sieht’s auch nicht gleich. Und wird beim Verweilen und Durchschreiten des Raumes dann doch überrascht. Überrascht ! , aber nicht erschlagen. Auch nicht gleich gefangen genommen.

Ist diese Installation … harmlos?                                                                                                         

Ist sie … eine kraftlose Provokation?

Oder eine notwendige ENT-TÄUSCHUNG

Geheilt werden von einer Täuschung – von welcher?

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