Ich saß schon etwas früher an meinem Platz. Er betritt das Café mit einer Rolle unter dem Arm. Sieht mich, kommt auf mich zu, schiebt einen zweiten Tisch heran und breitet die Rolle vor mir aus. Vor mir entstehen Fassaden, Ausblicke aufs Meer, Kaimauern. Alles aus der Zeit gerissen, menschenleer. Die normalen, gewohnten Sehgewohnheiten für Fotografien scheinen außer Kraft gesetzt. Ein Entwurf legt sich über den anderen, rutscht teilweise von den Tischen. Er setzt sich zu mir, es geht los. Wir duzen uns, kennen uns sozusagen von Geburt an.

Wie bist du auf den Gebäudekomplex PRORA gekommen?
Anlässlich eines Urlaubs auf Rügen habe ich bei einem Strandspaziergang dieses Gelände entdeckt. Von Entdecken kann natürlich nicht wirklich die Rede sein. Die Gebäude schmiegen sich auf eine Länge von über 2 Kilometern an die Bucht, nur leicht versteckt von einem Baumgürtel. Beim Ablaufen des Außenbereichs beschlich mich ein bekanntes Gefühl. Das Gefühl, diesen Komplex eine Zeitlang zum Mittelpunkt meiner kreativen Arbeit machen zu müssen. Es zwingt mich, mich mit diesem Komplex auseinander zu setzen und mich gleichzeitig mit der Geschichte zu beschäftigen, die dahinter steht. Die auch ein Teil der eigenen Geschichte, ein Teil des Wissenwollens um diese Geschichte ist. Alles weitere läuft dann wie von selbst. Fotogenehmigungen besorgen, Konzept festlegen, Lektüre beschaffen, recherchieren. Ein Stein fügt sich zum anderen.

Worin besteht für dich der Zusammenhang mit der eigenen Geschichte?
PRORA ist ja bekanntlich aus dem „Kraft durch Freude-Gedanken“ entstanden. Hier liegt auch irgendwie die Wiege des Massentourismus. Während der Nazidiktatur sollten hier jeweils 20000 Menschen aus dem Reich für 14 Tage Urlaub machen können. Die Stadt, in der ich lebe und arbeite, hat ihre Entstehung ebenfalls dieser Zeit und diesem Gedanken zu verdanken. Wolfsburg wurde gegründet als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ und wenn man dann noch bedenkt, dass mein Großvater 1938 in diese Stadt kam, um hier zu arbeiten und zu leben, gibt es in diesem Fall sogar eine Verbindung zur eigenen, persönlichen Geschichte. Die Beschäftigung mit dieser bringt einen an Orte, die erst aus der zeitlichen Entfernung andere Einblicke gestatten. Zwei Generationen später fällt es leichter, sich auseinanderzusetzen um zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus es auch besser zu machen.

Gibt es solche Verbindungen in allen deinen Arbeiten oder bildet dieser Komplex hier eine Ausnahme?
Es gibt immer Verbindungen. Sei es zur eigenen Geschichte, sei es zu den Ideen, die einen über die Jahre verfolgen. Alles ist irgendwie miteinander verbunden. Losgelöst voneinander kann nichts betrachtet werden. Das ist doch auch generell im Leben so. Ich kann nicht leben, ohne dass ich mit meinem Leben Einfluss nehme auf das Leben anderer, bewusst oder nicht. Genauso verhält es sich mit meinen Arbeiten. Nun aber auch zurück zu diesen. Auch und gerade das Thema PRORA/KdF und meine persönliche Geschichte konnte ich für eine Arbeit umsetzen, die ich für die Ausstellung „NON-STOP – ein Projekt zur Ambivalenz von Krieg und Frieden“ des Kunstvereins Wolfsburg 2005, gemacht habe. Es tauchen immer Querverweise zu anderen Arbeiten auf; teilweise finden sich dann auch Inhalte aus früheren Arbeiten wieder.

Zurück zu den Entwürfen, die du vor mir ausgebreitet hast: wie sind diese entstanden bzw. wie geht es weiter?
Von dem Urlaub auf Rügen hatte ich kein Material zum Bearbeiten mitgenommen. Ich wollte und musste somit noch einmal wiederkommen, es musste erst einmal sacken und vor dem inneren Auge die kreative Beschäftigung stattfinden. Ich habe mir erst einmal eine Fotogenehmigung besorgt, weil ich in einem der geschlossenen Gebäude fotografieren wollte und diese Gebäude unter staatlicher Aufsicht stehen. Zwei Jahre später war ich dann wieder vor Ort, mit Kamera und der gesammelten Lektüre. Von dort mitgenommen habe ich dann das Rohmaterial, aus denen die Entwürfe entstanden, die dann Grundlage für das weitere Arbeiten waren und sind. So arbeite ich grundsätzlich an meinen Themen und durch diese langsame Bearbeitung kommt es zu den Vernetzungen untereinander. So dass immer mehrere, nennen wir es Werkgruppen, parallel in Bearbeitung sind und teilweise, trotz der unterschiedlichen Themen, miteinander wachsen. Dem Betrachter und seiner Fantasie, seinem eigenen Gedächtnishorizont fällt es dann wie überall zu, diese Arbeiten in sein eigenes Erleben zu betten und mit Leben zu füllen.

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